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"Streetart in Sachsen - Freigeist vs. Freistaat " von J.Besser - link hier

"Streetart in Dresden " von J.Besser - link hier

"Streetart und Kapitalismuskritik: Das Beispiel Splasher" - von H.C.Psaar - link hier

"A different view - An ERASMUS Project" - von F.Koltermann - link hier

Street Art zwischen Rekuperation und subversivem Potential - von H.C.Psaar - link hier
 
 
 
Streetart in Dresden
Ein Abriss von Jens Besser

Seit knapp 4 Jahren treten vermehrt Plakate, Sticker und andere künstlerischen Ergüsse im öffentlichen Raum Dresdens auf. Die Medien haben jenes Phänomen als »Streetart« betitelt. Das klingt immerhin vielversprechend. Doch wo liegen die Ursprünge jener »Streetart« - besonders hier in Dresden?

Die Ursprünge jener illegalen Kunst 1 im öffentlichen Raum reichen bis zur Vorwendezeit zurück. Inspiriert von »Beatstreet« 2 zogen einige Jugendliche in Dresden und Freital los, um auch ihr tristes Umfeld zu verschönern. Mit Pinsel bewaffnet entstanden einige wenige Graffitiwerke.

Dosen zu beschaffen war nahezu unmöglich, so gab es Versuche eigene Dosen zu bauen - simo hinterließ mit einer selbstgebauten Dose ein Tag 3 in der Nähe der Tankstelle am Lennéplatz. Bald erkannte das MfS eine Gefahr in dem Buchstabensalat und fand schnell heraus, wer die Urheber jener Malereien waren - meist über Petzen die sich davon Vorteile im System erhofften. Somit war die erste Welle des illegalen Malens nach amerikanischem Vorbild
gestoppt.

simo um 1995

Zur Wendezeit flammte jedoch das Bemalen öffentlicher Wände erneut auf, neben politischen Textgraffitis entstanden auch neue writings 4. Dosen waren nun einfacher zu beschaffen und eine kleine writing-Szene entstand. diese writing-Szene sollte auch der Hauptursprung der Dresdner non-writing-Strassenmaler sein.Bis dahin sollten jedoch noch einige Jahre vergehen. Vereinzelt entstanden Pochoirs, Schablonensprühereien, vorwiegend in der Äußeren Neustadt. Die Gruppe "nurr" könnte man als erste Dresdner Crew im Streetartsinne verstehen; auf der Straße war sie jedoch bloß eine Randerscheinung 5 - Alekos Hofstätter malte einige Figuren im »Naegli-Stil« 6 und diverse Schablonen entstanden. »jetzt ist NURR« war eine der damaligen Arbeiten.

schablone von nurr - figur von A.Hofstetter

zeichnung von ole

Um 2000 entstand die zweite Streetartgruppe - olé. olé bestand aus zwei Aktivisten. Ihr hauptsächliches Repertoire waren
Schablonen und comicartige Zeichnungen, die stark an Jim Avignons Malereien erinnerten. Noch heute findet man neben den Zeichnungen den Steckdosengecko oder die Rundumleuchtenkuh in der Dresdner Neustadt.

Im selben Zeitraum betätigte sich shlomo f. vorzugsweise in einem anderen Medium. Aus trainwriting kommend entwickelte er viele Interventionen an Zügen des Dresdner Regionalverkehrs. Ob Zugstickereien 7 oder abstruse mathematische Formeln.shlomo entwickelte unabhängig von der Dresdner Szene Zugmalereien in writinguntypischer Form.

shlomo_chiliformel auf S-Bahn
Vielen writern erschien diese Bildwelt zu fremd und so wurden seine legalen Arbeiten häufig schnell zerstört und brachten ihm den Ruf eines »Kunstspinners« ein. Neben klassischen Techniken wie dem Schablonensprühen oder dem Freihandmalen nutzte shlomo Styropor, Abklebeband, Sticker und besonders häufig den Farbroller. Noch heute findet man im Umkreis des Bahnhofs Mitte Schablonensprüharbeiten - aber ebenso in den yards 8 und backjumpsspots 9 in und um Dresden.
shlomo_Friedrichstr./Weißeritzstr

2003 erreichte endlich der weltweite Streetarthype Dresden. Die Neustadt war binnen eines Jahres von einigen wenigen Plakatierern zugeklebt. Das Viertel, das auch die meistbesprühte Gegend Dresdens war, bot beste Voraussetzungen für Plakatierer. Das Publikum meist jung und weltoffen, die Wände entweder zugetaggt oder vollkommen vernachlässigt. Zudem bot die Neustadt um 2003 immer noch einige wenige Brachen. So konnte sich die junge Szene viel austoben und fand schnell Resonanz - sowohl positive als auch negative.

2003 - dresden friedrichstadt
das berliner wallstreetjournal war auch in dresden zu finden
2004 - eine fleissig beklebte wand - katharinenstrasse

Viele writer fühlten sich ignoriert, da Plakate des öfteren auch mal Tags unter sich begruben. So kam es, dass Sprüher Plakate herunterrissen oder crossten. 10 Die positive Resonanz war jedoch so stark, dass sich die Szene nicht einschüchtern ließ. Zeitungsartikel erschienen, Ausstellungen wurden organisiert und nach einem Jahr schien der erste Höhepunkt erreicht.

Die Gruppenausstellung »FarbTonTage« vereinte mehrere Dresdner Straßenmaler. Unter anderen beteiligten sich mars, redink, glad, moe, furz, bbsteph, die foo crew sowie nologo.

FarbTonTage

Zu jenem Zeitpunkt hatte der Ausverkauf schon begonnen und Streetartists betätigten sich als Grafikdesigner oder druckten Shirts und Grafiken zum Verkauf. Der Laden nokopi eröffnete 2005. Er sollte als Plattform für Streetartists dienen, zur Organisation von Ausstellungen, für Diskussionen und zum Verdienst des Lebensunterhalts. Schon nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass nokopi diese hohen Ziele nicht erreichen würde. Den Lebensunterhalt zu bestreiten - dies ist in Erfüllung gegangen, doch der unaufhörliche Ausverkauf ließ die Aktivitäten im öffentlichen Raum nahezu einschlafen. Shirts und besprühte Bauchtaschen statt Straßenmalereien!

nokopi

So kam es, dass sich der Geschäftsführer binnen 2 Monaten aus dem Geschäft zurückzog und den Laden an die Beteiligten übergab - den Namen nokopi jedoch mitnahm. Der Nachfolger street adler sollte sich nicht lange halten.

Anfang 2006 war die Streetart in Dresden auf einem Tiefpunkt angelangt. Auf der Straße war kaum Neues zu sehen. Und so wurde nach einer Neudefinition gesucht. urban script setzte dafür erste Zeichen - ein Resümee musste her. In Form einer Vortragsreihe mit Begleitprogramm, Ausstellung, Videoabend und Party, wurde über Streetart erstmals in Dresden öffentlich diskutiert. Sowohl Aktive als auch Kunsthistoriker beteiligten sich an der Diskussion. Das Ergebnis war so überzeugend, dass die Reihe fortgeführt wird - bis heute.

urban script 2006

Es finden Vorträge statt, und Stadtrundgänge. Wenn auch die Aktivitäten auf der Straße nicht weltbewegend sind, so ist doch festzustellen, daß Streetart auf einer anderen Ebene angekommen ist.

»wenn ich heute im öffentlichen raum mich betätige dann geschieht dies mit mehr rücksicht und gefühl. natürlich kann es immernoch passieren dass ich mal ein tag übergehe, jedoch sollte man nicht jedes namenskürzel überbewerten. desweitern zieh ich auch weiter ein altes graues haus einem frisch sanierten haus vor - was jedoch nicht ausschließt einem neuen haus einen zusätzlichen farbtupfer zu verpassen, denn viele gebäude wurden eben nicht mit »viel liebe« saniert, sondern eher husch husch fertiggestellt, damit schnell ein paar neue mieter bluten können. meiner meinung nach sollte streetart sich nie einschränken lassen, doch die idee muss der wichtigste ausgangspunkt der arbeiten bleiben. also, dear street artists - ob neues oder altes haus, der öffentliche raum muss bunter werden, die pastelltöne führen nur zu depressionen und ein wenig kräftige farbe hat noch niemanden umgebracht!!!! Und lasst euch nicht ver-werbewirksamen, die werbung im öffentlichen raum muss ebenso bekämpft werden, ansonsten haben wir bald noch mehr »freiberger-arenen«, und nehmt rücksicht auf die betrachter - die wollen nicht immer die selben motive sehen - das wirkt sonst ebenso flach wie werbung.« zitat nologo

na denne, nutzt eure creativen hirne !!!! pace raus an alle atzen + rockt fröhlich bunter munter weiter....

2006- skatepark dresden

Glossar

1 - ich nutze den begriff kunst mit dem hintergrund, dass streetart staatliche gesetze ignoriert und so eine freie parallelwelt schafft. desweitern spielt streetart mit dem betrachter des öffentlichen raumes, sie kann überraschen (mini-installationen), protestieren oder auch schockieren (aussagen wie »noname nofame nologo«).

2 - »beatstreet« flimmerte um 1985 über ddr-leinwände - es ist einer der peinlichen versuche, writing mit einer lovestory zu verbauen und so für den Mainstream attraktiv zu machen.

3 tag - unterschrift eines writers, auch bekannt als graffitisprüher

4 writing - die szene spricht von writing
statt graffitti

5 - zur BEWEGUNG NURR siehe www.nurr.net

6 harald naegli - auch bekannt als züricher sprüher. naeglis strichfiguren sind durch ihre einfachheit und den starken schwung enorm dynamisch.trotz maximaler vereinfachung sind die
strichmännlein sehr ausdrucksstark.einige seiner werke wurden nach längerem hin und her sogar unter denkmalschutz gestellt. er war schon anfang der 80er aktiv, als writing noch nicht in europa angekommen war.

7 zugstickereien - in dem fall flickenmalereien auf züge

8 yard - betriebsbahnhof oder zugabstellplatz. ein yard kann sowohl eine vielzahl an zügen bereithalten, aber auch nur einen - meist wird jedoch dafür der begriff lay up benutzt. an diesen stellen werden hauptsächlich züge bemalt.

9 - ein backjumpspot ist ein ort an dem ein zug für nur wenige minuten hält. diese kurze phase des stillstands nutzen spüher zum bemalen des zuges.

10 crossen - etwa durchkreuzen, das übermalen von anderen werken

 
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