"Streetart
in Sachsen - Freigeist vs. Freistaat " von
J.Besser - link
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"Streetart
in Dresden " von J.Besser
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"Streetart
und Kapitalismuskritik: Das Beispiel Splasher"
- von H.C.Psaar -
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"A
different view - An ERASMUS Project" - von
F.Koltermann - link
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| Street
Art zwischen Rekuperation und subversivem Potential -
von H.C.Psaar - link
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Street
Art zwischen Rekuperation und subversivem Potential |
von
Hans-Christian Psaar - website: http://unkultur.olifani.de/ |
Gleich
zu Beginn die Frage nach der Definition: Was ist Street
Art? Sind klassische Schmierereien auf Wahlplakaten
Street Art? Oder die farbenfrohe antizionistische Staatskunst,
die an Teheraner Häuserwänden zu bestaunen
ist? Statt diese Fragen zu beantworten, möchte
ich folgende Eingrenzungen vorschlagen, mit Hilfe derer
ich Street Art behandeln werde. Street Art basiert auf
der kapitalistischen Vergesellschaftung. Sie ist Popkultur
und damit Teil der Kulturindustrie und leitet sich nicht
aus Traditionen und Gebräuchen ab. Sie legt durch
die Verwendung der Kollage den formbaren, synthetischen
Charakter von Kunst dar. Sie ist eine urbane Kunst und
der Stadtraum ist ihr Betätigungsfeld. Sie bedient
sich verschiedener Mittel und Techniken der visuell
gestaltenden Kunst wie Sprühschablonen, Aufklebern,
Kleister. Sie entstammt einer Subkultur und nicht dem
etablierten Kunstbetrieb.
Mir
geht es mit den folgenden Ausführungen zur Ökonomie
von Street Art darum, einige Aspekte der Verwertung
von Kunst und daraus resultierende Einschränkungen
einerseits, Möglichkeiten andererseits aufzeigen
|
Kommerzialisierung
und Rekuperation |
Den Ausverkauf der Subkultur Street Art beklagen derzeit
einige Beteiligte, etwa das New Yorker Kollektiv Splasher,
das mit Farbbeuteln Street Art entwerten will, oder
die Kulturwissenschaftlerin Julia Reinecke in ihrem
Buch »Street Art – Eine Subkultur zwischen
Kunst und Kommerz«.
Generell
ist der Vorwurf des Ausverkaufs ein Erklärungsmuster,
das seit Jahren in verschiedenen Subkulturen immer wieder
aufgegriffen wird: zuerst war die authentische Subkultur
da, doch dann wurde das Projekt mutwillig verraten und
die vormals gute Sache ging den Bach hinunter. Es bedarf
in dieser Erzählung immer der Rolle des Verräters,
der den Niedergang zu verantworten hat. Im Street Art-Kontext
wird einigen namhaften Artists vorgeworfen, sie würden
die widerständige Kunst gegen Bezahlung verkaufen.
Wobei die Motive des Verräters durchaus ambivalent
gewertet werden. Einerseits entstammt er ja der Szene
und hat eine gewisse Street-Credibility, andererseits
ist er der durchtriebene Schuft, dem alles zuzutrauen
ist. Oder womöglich doch nur ein Opfer widriger
Umstände, das sich zu leicht von der Macht korrumpieren
ließ?
Das
Beispiel des britischen Street Artists Banksy ist aufschlussreich.
Diana Artus schreibt in ihrem Artikel »Die Zeichen
auf der Tasse« (Jungle World, 30/2007) über
den Prozess der Umformung von Street Art-Künstlerinnen
und -Künstlern zu Stars: »Banksy, aus dem
man gerade und offenbar leider erfolgreich versucht,
auch eine Kunstikone zu machen«. Aber wer ist
in diesem Fall »man« und wer treibt diese
Star-Werdung des Künstlers voran? Laut Julia Reinecke
hat er seit 2003 eine Presseagentur beauftragt, die
die Kommunikation nach außen übernimmt, da
er selbst keine Interviews gibt und seine Aktionen selbst
nicht erklärt. Die Anonymität und das Rätselraten
um seine Person ist Teil der Corporate Identity von
Banksy. Der Künstler wird zum Star, sein Name zum
Logo. Um sich im Kunstmarkt positionieren zu können,
muss eine unverwechselbare Identität her, die den
Warenproduzenten von konkurrierenden Anbietern unterscheidet.
Branding ist da ein Wettbewerbsvorteil. Dort, wo der
unterschiedliche Gebrauchswert der Waren schon lange
nichts mehr über deren Qualität aussagt, muss
durch die Hintertür wieder ein Stempel eingeführt
werden, der Differenzen vorgibt, wo diese durch den
Tauschwert doch schon längst nivelliert wurden.
Dass
Pseudonyme und Starkult sich nicht wechselseitig ausschließen,
wurde bereits in der elektronischen Musik im vergangenen
Jahrzehnt durchexerziert. Banksys Bilder erzielen ihre
hohen Preise nicht in erster Linie aufgrund ihrer Originalität,
sondern weil sie von Banksy stammen. Darin kommt die
tautologische Logik des Warentauschs zum Ausdruck. Der
letzte Rekordpreis für ein Artefakt von Banksy
wurde im am 27. April 2007 erzielt: »Space &
Bird« verkaufte sich für £288,000.
Irrational? Eher Berechnung, denn Käuferinnen und
Käufer auf dem Kunstmarkt zielen darauf ab, dass
die eingesetzten Investitionen eine Wertsteigerung in
der Zukunft mit sich führen.
Das große Los haben diejenigen gezogen, die rechtzeitig
subkulturell aktiv waren. Wer sich früher für
die richtige Subkultur interessierte, der kann neben
dem Prestigegewinn des »von Anfang an dabei gewesen
zu sein« auch ökonomisches Kapital aus den
damals billig erstandenen Waren erzielen. Egal ob alte
Hardcore-Punk-Platten heute als Raritäten gehandelt
oder Street Art Bilder teuer verkauft werden –
getauscht wird immer. Auch in Subkulturen wird ganz
klassisch gehandelt, nur zumeist auf niedrigerem Niveau
als in etablierten Teilen des Kunstmarktes. Der Begriff
der Kommerzialisierung suggeriert dagegen, dass den
Menschen von außen etwas aufgesetzt würde,
wo davor keine ökonomischen Gesichtspunkte zählten.
Das ist ein Trugschluss, denn es ändert sich einzig
das Preisniveau.
Die
klassische Übernahme von Techniken der Street Art
zu Werbungszwecken gibt es tatsächlich. Wenn der
Radiosender Motor FM etwa Sprühschablonen fertigt,
um damit (statt Wände mit Farbe zu bemalen) Dreck
an ihnen mit dem Kärcher absprüht –
und so sein Logo hinterlässt. Die Boni der Subversion
werden eingestrichen, ohne dass die Zeche für illegale
Maßnahmen gezahlt werden, denn eine Anzeige wegen
Sachbeschädigung wird es wegen Saubermachens wohl
kaum geben. Zu bezweifeln ist allerdings, dass hier
wirklich »von außen« die Techniken
der Subkultur übernommen werden. Die Sprache der
Werbung bedient sich zeitgenössischer Designtrends
– die in Teilen von Street Art Künstlerinnen
und Künstlern geprägt werden. Nur kann kaum
von einer Trennung zwischen Firmen und Street Art-Szene
die Rede sein. Bei näherem Hinsehen wird man auf
personelle Verflechtungen zwischen Street Art und Werbebranche
stoßen. Wer macht Street Art? Unter anderem Grafikdesignerinnen
und -designer. Wo arbeiten diese? Zum Beispiel in Werbeagenturen.
Kulturindustriell
Tätige treiben eine Kommodifizierung von Street
Art durch ihr Handeln einerseits selbst aktiv voran.
Diese Beobachtung stimmt ja. Nur: Verkaufen müssen
ihre Waren am Ende des Tages alle. Egal ob eine Designerin
oder ein Designer Shirts mit eigenen Motiven bedruckt
oder ein Verlag Bücher zu Street Art veröffentlicht.
Wer selbst keine Waren anbieten kann, muss seine Arbeitskraft
verkaufen. Street Art zu verschenken können sich
nur diejenigen leisten, die ihren Lebensunterhalt anderweitig
gesichert haben. Genau diese Verstricktheit wird oft
unterschlagen, wenn Verwertung immer nur das ist, das
von anderen betrieben wird. Es wird an der Stelle meist
ziemlich moralisch, wenn Einzelnen die Verantwortung
für den angeblichen Ausverkauf zugeschoben wird.
Dabei war das Spektakel vor der Street Art da. Diese
wird nicht von der un-kapitalistischen Kunst zur kapitalistischen
Ware, sondern vom subventionierten Hobby zum Job, wobei
einige wenige erfolgreicher sind als ungezählte
andere.
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Kriminalisierung |
Wohin
die Personalisierung der Frage nach Verantwortlichen
in diesem Prozess führt, zeigt das Beispiel der
New Yorker Gruppe Splasher. Diese behauptet, dass Street
Art Gentrifizierung, also die Aufwertung von Stadtteilen
und damit der Verdrängung von Bewohnerinnen und
Bewohnern, vorantreiben würde. Der Zusammenhang
zwischen Street Art und Aufwertung wird im Manifest
der Gruppe folgendermaßen benannt: »Street
Art gives the green lights to investors, becomes the
repugnant drug to tourism, and speed the process of
gentrification.« Widersprüchlichkeiten, wie
die Unerwünschtheit von Street Art kennt Splasher
nicht. Street Art wird oft von Stadtverwaltungen und
auch von privaten Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern
oder Passantinnen und Passanten entfernt. Insbesondere
das Handeln des Staates untersucht Splasher nicht. So
berichtet der von Splasher kritisierte Shepard Fairey
von seinen Verhaftungen in New York City beim Kleben
seiner Bilder als Delikt des »Mayor Giuliani Quality-of-Life
Crime«. Das widerlegt die Behauptung des reibungsfreien
Beitrages von Street Art zur Stadtumstrukturierung.
Denn die Kriminalisierung von Street Art und Graffiti
ist nicht von der Hand zu weisen. In Deutschland stellt
der Berlin Verein Nofitti e.V. eine Lobbygruppe dar,
die auf eine Verschärfung der Gesetze gegen Sprayer
hinarbeitet. Diese Kriminalisierungbefürworter
konnten gewisse Teilerfolge erzielen. Im Mai 2005 verabschiedete
der Bundestag ein Gesetz, mit dem sich Sprühereien
nun einfacher mit Hilfe des Straftatbestands der Sachbeschädigung
verfolgen lassen.
Die Vertreterinnen und Vertreter dieser Position hoffen
das Phänomen mit Hilfe von staatlicher Repression
in den Griff zu bekommen. Außerdem soll Straßenkunst
umgedeutet werden: in erster Linie als Vandalismus und
damit als Verbrechen und nicht etwa als Kunst. Man kann
das als die Variante »Skandalisierung« bezeichnen.
Andererseits
wird Street Art dadurch unglaublich interessant –
insbesonders für Jugendliche. Gerade die illegalen
Betätigungen sind die reizvollsten. Aber markiert
dies schon eine Subversion, wie etwa von Diana Artus
im oben genannten Artikel behauptet? Wohl kaum. Illegalität
ist per se noch kein Merkmal für revolutionäre
Bestrebungen; eher dient sie dem Nachweis von Street
Credibility.
Street Art, in der gerne auch gesellschaftskritische
Themen verhandelt werden, wird dadurch eher weiter aufgewertet.
Banksy hat es jedenfalls nicht geschadet, dass er seit
Beginn seiner künstlerischen Laufbahn auf der Straße
auf der Flucht vor der Polizei war (so zumindest die
Beschreibungen in seinem Buch »Wall and Piece«).
Bücher einer rebellischen Jugendbewegung dürften
sich eher noch besser verkaufen.
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Institutionalisierung |
Andererseits
wird eine Integration angestrebt, die auf eine Eingemeindung
von Street Art in den etablierten Kunstbetrieb abzielt.
Dabei handelt es sich weniger um eine Strategie, denn
dass würde gezielte Planung voraussetzen. Wenn
sich bei Street Art eine Tendenz ausmachen lässt,
dann am ehesten diese: eine zunehmende Verschiebung
weg von einem eher subkulturell strukturierten Netzwerk
hin zur Förderung durch etablierte Institutionen
und einem größeren Bekanntheitsgrad.
Gerade im Bereich der Street Art sind es die Beteiligten,
die unbeabsichtigt die Verkunstung vorantreiben. Es
werden Ausstellungen organisiert, Ladengeschäfte
eröffnet, Bücher und Artikel (so wie dieser)
geschrieben usw. Außerdem wird die Zusammenarbeit
mit bereits bestehenden, etablierten Kunstinstitutionen
angestrebt (Museen, staatliche Förderinstitutionen,
Zeitschriften). Die Definition als »Kunst und
Kultur« bringt das Phänomen in geordnete
Bahnen. Ein Satz aus der »Dialektik der Aufklärung«
von Horkheimer/Adorno veranschaulicht dies: »Der
Generalnenner Kultur enthält virtuell bereits die
Erfassung, Katalogisierung, Klassifizierung, welche
die Kultur ins Reich der Administration hineinnimmt.«
Nur erledigen die Beteiligten die Verwaltung der Welt
heute selbst, wo die Mehrzahl der Künstlerinnen
und Künstler entweder selbst einen Bürostuhl
besetzen oder an einem Fördertopf hängen müssen,
um finanziell über die Runden zu kommen –
denn die wenigsten verkaufen soviel ihrer Kunst, dass
es sie ernähren könnte. Und da auch Street
Artists ihre Miete zahlen müssen, haben sie potentiell
ein Interesse an gesicherten (bzw. überhaupt existierenden)
Einnahmeverhältnissen. Wenn die eigenen Produkte
nicht kostendeckend auf dem Markt verkauft werden können,
bleibt nur die Kulturförderung durch staatliche
Stellen übrig. Bildende Kunst ist stark von Subventionen
abhängig und insbesondere Ausstellungen und Veranstaltungen
tragen sich kaum über die Finanzierung durch Eintrittsgelder.
Künstlerinnen und Künstlern dafür verantwortlich
zu machen, dass sie ihre Kunst gegen Geld verkaufen,
wie im Manifest der Gruppe Splasher geschehen, ist schlechter
Idealismus. Denn eine umwälzende Veränderung
müsste auf die Gesamtebene der Warenproduktion
abzielen – und da sind es nicht die Akteure, die
Schuld an der Misere sind.
Als
erster Schritt dahin ist es notwendig, sich die Verhältnisse
näher anzusehen und einige der lange gepflegten
Mythen linker Subkultur zu kritisieren: Autonomie der
Politik, Autarkie der Produktion, Subversion der Kunst.
Die Kritik ist nicht von der teilnehmenden Erfahrung
zu trennen. Der Kurator Raimar Stange bringt es in der
Filmdokumentation »Culture Jamming – Media
Actionism in the 21st Century« auf den Punkt:
»Ich muss erstmal verstehen was z.B. Warenästhetik
oder Warenfetisch eigentlich heißt. Und das kann
ich nicht tun, indem ich mich auf eine grüne Wiese
setze, einen Joint rauche und in irgendwelche Hippie-Fantasien
flüchte.« Nicht das Aussteigen der Hippies
und Autonomen, sondern das Sich-Bewusstwerden, die Reflexion
der eigenen Rolle in der Kulturindustrie wäre der
erste Schritt hin zur Veränderung der Verhältnisse.
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Subversives Potential |
Wo
liegen also die emanzipatorischen Möglichkeiten
von Street Art? Street Art legt durch ihre Fragmentiertheit
den Prozess ihrer Entstehung offen. Als Kollage tritt
sie dem Werkcharakter der Montage entgegen, der den
Rezipientinnen und Rezipienten eine geschlossene Interpretation
vorgibt. Gerade in ihrer Vergänglichkeit durch
Witterung, Entfernung, Überkleben und Verfall macht
Street Art darauf aufmerksam, dass den von Menschen
produzierten Dingen nicht die materiellen Eigenschaften
innewohnen, die ihnen üblicherweise zugeschrieben
werden. Kunst wird durch die Offenlegung ihres temporären
Charakters als Prozess sozialen Austauschs dargestellt.
Die Autorenschaft wird verschleiert oder weggelassen,
auch wenn Eingeweihte anhand der Handschrift der eingesetzten
Mittel bestimmen können, von wem bestimmte Artefakte
gefertigt wurden. Sie ist durch diese Transparenz des
Produktionsprozesses zumindest partiell ein Angriff
auf das Bild des Künstler-Genies (und trägt
gleichzeitig – siehe oben – die Tendenz
zum Starkult in sich).
Die
Produktionsmittel (Kopiergeräte, Farben, Schere)
sind industriell hergestellt, während das Endprodukt
in Handarbeit gefertigt wird. Diese Konstellation lädt
zur Bearbeitung der ambivalenten Beziehung zwischen
Individuum und den genormten Gegenständen des täglichen
Gebrauchs ein. Shepard Fairey thematisierte dies mit
seiner »Obey the Giant«-Kampagne, in der
er stumpf das immergleiche, eintönige Gesicht in
riesigen Formaten tausendfach verklebte. In den Designs
von Shepard Fairey findet nicht nur die Auseinandersetzung
mit den Konsumwaren der Massengesellschaft statt, sondern
auch die ironische Auseinandersetzung mit der politischen
Parole.
Denn
Street Art ist dort subversiv, wo sie sich dagegen verweigert,
die Verlängerung der Parole zu sein. Das kritische
Potential von Street Art – und vielleicht sollte
man genau auf diesen Punkt besonders hinweisen –
liegt darin, kein Träger von dezidierten Botschaften
zu sein. Kritische Street Art ist nicht die Fortsetzung
der linken Parole an der Häuserwand. Zwar kann
Street Art sich auch politisch einmischen, Positionen
beziehen und sich für etwas engagieren; nur ist
in den gelungenen Beispielen gerade nicht das Unterordnen
unter eine Parteidisziplin das Qualitätskriterium
der daraus resultierenden Kunst.
Wie
autoritär das Kunstverständnis der traditionell
arbeiterbewegten Linken ist, zeigt ein Redebeitrag auf
der Pro-Graffiti-Demonstration 2006 in Berlin. Mit dem
Verweis auf das Vorbild Venezuela beschreibt die sozialistische
Jugendorganisation »Revolution« ihre Vorstellung
von Graffiti: »In Venezuela und anderen lateinamerikanischen
Ländern ist es normal, dass arme Slumbewohner und
linke Aktivisten ihre politische Botschaften durch Wandmalerei
rüberbringen. Dort heißt es sprichwörtlich:
›Die Wand ist die Zeitung der Massen.‹«
Kunst wird danach zum bloßen Trägermedium
für die Inhalte linker Gruppen reduziert. Das Verhältnis
zu Kunst ist instrumentell, denn Kunst soll klassisch
ideologisches Werkzeug werden, mit dem die Massen (ebenfalls
Objekt und Projektionsfläche dieser Parteipolitik)
für die gerechte Sache agitiert werden sollen.
In dem Zweck-gerichteten Bezug zum Gegenstand gleicht
diese Auffassung der Kulturindustrie, in der die Sache
unter die Herrschaft des Begriffs gebracht werden soll.
Gegen diese Begehrlichkeit scheint es vernünftig,
die Autonomie der Produzentinnen und Produzenten von
Kunst einzufordern. Diese sind erst mal niemandem Rechenschaft
schuldig. Wenn Kunst emanzipatorische Potentiale aufweist,
dann dort, wo sie sich keiner Disziplin von außen
unterordnet. Ein weiterführender Gedanke in diese
Richtung findet sich bei Jean Baudrillard, der im Aufsatz
»Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen«
Namenszüge von New Yorker Sprayern in den 1970er
Jahren untersucht und deutet. Anhand von Überlegungen
zur Semiotik sieht er als fortschrittliches Element
dieser Tags die Unregierbarkeit der Zeichen. Mit ihnen
wird keine Botschaft vermittelt und sie operieren damit
jenseits von (bürgerlicher) Kunst und Ideologie.
Baudrillard beschreibt Tags als leere Signifikanten,
die auf keine Inhaltsebene mehr verweisen. Die reale
Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat in diesem Fall
aber leider die Hoffnungen nicht ganz erfüllt.
Graffiti ist selbst zum Zeichensystem geworden, wo jedes
Tag sich auf ein vorher gesetztes bezieht; wo das Tag
den Namen der Crew repräsentiert; wo es beim Taggen
um Statuskämpfe innerhalb der Graffitiszene geht.
Damit sind Tags ambivalent zu bewerten.
Dennoch
bleibt dieser Aspekt auch heute bei Street Art bestehen:
die Verweigerung gegenüber dem zwanghaft aufgesetzten
Sinn. Der Hässlichkeit der Verhältnisse und
Formen, die der Kapitalismus hervorbringt, wird der
Spiegel vorgehalten und der Ästhetik der Werbetafel
und des Betons wird die Anti-Ästhetik der Verunstaltung
entgegengesetzt. Um dies an einem Beispiel für
Street Art aufzuzeigen: Subvertising, die gezielte Veränderung
von Werbeplakaten, ist zumeist dann am effektivsten,
wenn nicht zwanghaft versucht wird, die Aussage des
Plakates zu »entlarven« (als ob es im System
Werbung am einzelnen Werbeplakat etwas zu entlarven
gäbe) und die Praxis einer bestimmten Firma anzuprangern.
Denn das endet meist in Moralismus, der sich kreativer
Mittel bedienen will, aber am Ende doch nur eine simple
Botschaft von der Bosheit der Konzernherrschaft etc.
in die Betrachterinnen und Betrachter hineinprügeln
möchte. Die Liste der Beispiele mit antiamerikanischen
und strukturell antisemitischem Adbustings ist lang.
Etwa ein Stencil mit dem Nike-Swoosh, aus dem heraus
ein Flugzeug in die Türme des World Trade Center
kracht. Darunter prangt der damalige Claim der Nike-Werbung;
hier als zynischer Untertitel gewendet: »Just
do it«.
Gegen diese ideologisch verhärtete Kunst wirkt
der spielerische Umgang mit Werbung, das ziellose Umgestalten
von Vorgefundenem und das Kombinieren mit anderen Artefakten
der Populärkultur wesentlich ergebnisoffener und
spannender. Künstlerin und Künstler begeben
sich in einen offenen Forschungsprozess um die Möglichkeiten
der Interaktion mit dem Material zu erkunden. Das mag
zwar nicht besonders revolutionär sein, ist aber
allemal eine bessere Ausgangsbasis für eine Befreiung
als die Parolisierung der Kunst, die auf eine Ästhetisierung
des politischen Lebens (Walter Benjamin) hinausläuft.
Die Möglichkeiten sind vorhanden. Es gilt sie zu
nutzen.
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